RiV App downloaden

Unsere Zeit mit Nejah

nejah005a

Anfang Februar dieses Jahres (2006) erzählte uns meine Frau Mechthild, die im Vredener St. Marien-Krankenhaus als Internistin tätig ist, dass dort ein 4jähriges Mädchen aus Eritrea - mit schwersten Verbrennungen im Gesicht - operiert worden sei (Wiederherstellung der Oberlippe), welches auf der Suche nach Spielkameraden sei.So beschloss meine Frau mit unseren beiden Kindern Cornelis (heute 6 Jahre alt) und Charlotte (4Jahre alt) die kleine Nejah zu besuchen. Die Kinder waren begeistert und tobten mit Nejah durchs Krankenhaus. Diese Besuche wiederholten sich zwei Mal. Natürlich ist ein Krankenhaus nicht der geeignete Spielplatz für drei tobende Kinder und so fassten wir nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt Dr. Lehmköster den Entschluss, Nejah für einen Nachmittag zu uns nach Hause zu holen. An einem Freitagnachmittag war es dann soweit.
Meine Frau und Cornelis holten Nejah zu uns und ich sah sie zum ersten Mal. Natürlich musste ich schlucken, denn trotz aller vorbereitenden Erzählungen meiner Frau war das Gesicht doch sehr entstellt. Aber als ich das Lachen von Nejah während ihrer Erkundungstour durch unser Haus erlebte, war dieser erste Eindruck wie weggewischt. Nejah rannte mit unseren Kindern von oben nach unten und von unten wieder nach oben durch unser Haus und fühlte sich gleich sehr wohl.Und nach dem Abendessen, als wir sie eigentlich wieder ins Krankenhaus bringen wollten, legte sie sich wie selbstverständlich in das Bett meines Sohnes Cornelis.

Da stand unser Entschluss fest: Nejah bleibt während ihrer Behandlungspausen bei uns! nejah0001a

Und nun brach Hektik aus, denn wir mussten einige vertraute Menschen um ihr Einverständnis bitten: unsere Haushälterin und meine Mutter, die während der wöchentlichen Morgende unsere Kinder betreuen und in Zukunft ein drittes Kind betreuen sollten, und unseren Pastor Ansgar Drees, der erlauben sollte, dass Nejah mit Cornelis in den Kindergarten gehen konnte. Zum Glück zeigten sich alle einverstanden und das Unternehmen konnte beginnen, denn auch Dr. Lehmköster war froh, dass er eine Gastfamilie für Nejah gefunden hatte. Matratze in Cornelis Zimmer tragen, ein gemütliches Bett herrichten und Nejah mit Händen und Füßen deutlich machen, dass sie in Zukunft bei uns wohnt. All dies gelang und so nahm eine spannende Zeit mit vielen offenen Fragen ihren Lauf. Wie würden unsere Freunde, Bekannte, Nachbarn auf Nejah reagieren, wie die Kinder im Kindergarten und wie sollten wir eigentlich mit Nejah kommunizieren? Glücklicherweise wurden alle Fragen positiv beantwortet: Nejah wurde überall herzlich empfangen und die Kinder im St. Marien-Kindergarten und in der Nachbarschaft reagierten auf Nejah so natürlich, wie nur Kinder reagieren können: unvoreingenommen, neugierig, interessiert. Sogar so interessiert, dass die beiden Erzieherinnen Kim und Jenny das Thema „Afrika“ als neues Thema auswählen „mussten“.Und auch die Kommunikation erwies sich leichter als vorher vorgestellt: Mit Händen und Füßen und einer vom Hammer Forum zur Verfügung gestellten dreiseitigen „Wichtigste – Wörter – Liste“ in Tigrinia-Lautschrift gelang es uns, mit Nejah Gespräche zu führen. Außerdem erwies sich Nejah als echtes Sprachtalent, denn sie erlernte in kürzester Zeit die deutsche Sprache. Natürlich aber musste „unsere Zeit mit Nejah“ problematisch beginnen. Am ersten Montag bekam sie 40°C Fieber und kurz darauf litt sie unter starken Zahnschmerzen. Ein Besuch beim Zahnarzt Dr. Waskönig zeigte, dass alle Milchzähne von Nejah von Karies befallen waren (wohl darum, weil Nejah beim Schlafen nie ihren Mund richtig schließen konnte) und Dr. Waskönig gab sich in mehreren Sitzungen größte Mühe, „Nejah schmerzfrei zu machen“, was ihm auch mit Bravour gelang. Die darauf folgenden Wochen waren spannend und interessant: Nejah feierte mit uns Karneval, Palmsonntag, Ostern und die Goldhochzeit meiner Schwiegereltern, nannte uns von Anfang an Mama und Papa, sprach immer besser Deutsch, fand ihre ersten echten Freundinnen im Kindergarten, die sie auch zu sich nach Hause einluden und sie lernte Fahrradfahren, zumindest mit Stützrädern. Aber Ende März kam dann die schlimmste Zeit für Nejah und die schwierigste für uns. Am 31.März wurde Nejah an den Augenlidern, die sie nicht schließen konnte, operiert, da die Haut der Lider durch die Verbrennungen vernarbt war. Durch Hauteinpflanzungen sollte sie wieder in die Lage versetzt werden ihre Augen zu schließen. Die Folge der OP: Nejahs Augen mussten für 10 Tage zugenäht werden, damit die transplantierte Haut anwachsen konnte. Mit Hilfe der aus Eritrea stammenden Familie Hailé aus Ahaus versuchten wir Nejah auch in ihrer Heimatsprache auf die OP und die Folgen vorzubereiten. Zugleich kündigte sich ein WDR-Fernsehteam der Lokalzeit Münsterland an, welches Nejah am Tag ihrer Operation begleiten wollte und die mit dieser Reportage über die Arbeit des Hammer Forums und von Interplast Germany, der Organisation, für die auch Dr. Lehmköster weltweit im humanitären Einsatz tätig ist, berichten wollten. Wir begleiteten Nejah den ganzen Tag und auch die folgenden Tage bis Montag betreuten wir sie im Krankenhaus so gut es ging. Glücklicherweise hatte Nejah auch zwei liebenswürdige Zimmernachbarinnen, die dafür sorgten, dass wir auch mal eine Pause machen konnten. Nejah selbst kam aber erstaunlich gut mit ihrer zeitweiligen Blindheit zurecht. Am Montag nahmen wir Nejah dann mit nach Hause, wo wir versuchten, sie so gut wie möglich bei Laune zu halten. Die Kinder im Kindergarten nahmen für Nejah sogar eine Kassette auf, auf der sie ihr alles Gute wünschten, Lieder sangen und Geschichten erzählten. Diese Kassette wurde bei Nejah zum echten Renner und musste täglich mehrmals abgespielt werden. Palmsonntag feierte Nejah dann mit den Nachbarschaftskindern mit fast geschlossenen Augen. Etwas sehen konnte sie, da sich die Verbände etwas gelöst hatten. Das Palmlied konnte sie sogar in Vredener Plattdeutsch singen! Am folgenden Tag war es dann soweit: Die Verbände wurden entfernt und die behandelnden Ärzte stellten fest, dass die Operation sehr gut gelungen war. Dies stellten auch wir fest, denn in der folgenden Nacht schlief Nejah erstmalig mit geschlossenen Augen! Bis zur letzten OP, der teilweisen Wiederherstellung von Nejahs Nase und der Entfernung von Verbrennungsnarben an der Nase, hatten wir nun bis Ende Mai Ruhe. In dieser Zeit unternahmen wir unheimlich viel mit Nejah. Der Höhepunkt war sicherlich ein Aufenthalt an der niederländischen Nordseeküste in Callantsoog. Hier sah Nejah zum ersten Mal  das Meer und genoss dieses wie auch den starken Wind sichtlich. Zudem wurde sie zur echten Wasserratte und liebte das Schwimmen. Auch das Fahrradfahren gelang immer besser und zu unserem Schrecken unternahmen Nejah und unsere Tochter Charlotte selbstständig immer längere Erkundungstouren mit dem Fahrrad und dem Bobbycar durch unser Wohngebiet. Zwischenzeitlich war Nejah ein fester Bestandteil unserer Familie geworden, gar nicht mehr wegzudenken, von allen akzeptiert! Natürlich machten wir in unserer Zeit mit Nejah auch bedenkliche Erfahrungen: Eine Frau aus Vreden wunderte sich, dass man mit so einem entstellten Kind in den Zirkus gehen könne, was ihre beiden Söhne total abgelenkt habe und eine Zumutung für ihre Söhne gewesen sei. Eine andere Frau war überrascht darüber, dass wir so einfach mit Nejah schwimmen gehen konnten ohne uns zu schämen. Aber bei diesen beiden Ausnahmen blieb es und vielleicht werden diese beiden „Damen“ in Zukunft eines besseren belehrt. Insgesamt gesehen wurde Nejah aber geliebt, respektiert, toleriert und verwöhnt. Sie entwickelte sich aufgrund ihrer liebenswürdigen Art heimlich zum Star und führte schon mit unserem 80jährigen Nachbarn ein „Prötken“. Am Montag, dem 29. Mai, stand Nejahs letzte Operation an, die sehr gut verlief und nach der wir Nejah auch sofort wieder mit nach Hause nehmen konnten. Dann kam der wunderbare Monat Juni: tolles Wetter, Freibad, Fussballweltmeisterschaft, Beginn der Sommerferien und überall gute Laune. Nejah lief zur Höchstform auf, war immer bester Stimmung, unternehmungslustig und sie dachte nicht an das, was uns beschäftigte: Die Zeit des Abschieds nahte, am 30. Juni sollte Nejah abgeholt werden und einen Tag später ihren Rückflug nach Eritrea antreten. In dieser Zeit sprachen wir oft mit Nejah über ihr Zuhause und ihre Familie. Sie sollte nicht unvorbereitet sein auf ihren Abschied. Und dann folgten Abschiedsfeste: im Kindergarten, bei den Freunden, bei uns mit allen „Gönnern“ und der Familie. Zugleich wurde uns immer schwermütiger ums Herz und uns beschäftigte schon die Zeit „nach Nejah“. Wir wussten kaum etwas über ihr Zuhause, aber wir wollten ihr auch in Zukunft helfen, mit ihr Kontakt halten, sie auf ihrem weiteren Weg begleiten.Wir nahmen Kontakt auf mit dem Verein „Aufbau Eritrea e.V.“ unter Leitung von Frau Kidan Zerm-Ghebremariam und diese versprach uns, in Zukunft als Brückenbauerin zwischen uns und Nejah tätig zu sein. So waren wir zumindest etwas beruhigt.Dann war es soweit: Am Freitag kam nach langer Wartezeit ein Fahrer vom Hammer Forum um Nejah abzuholen. Es flossen viele Tränen im Hause Windmeier und unsere Kinder und Nejah begriffen gar nicht, was eigentlich geschah. Wir hofften, dass wir Nejah mit allen für die Zukunft wichtigen Sachen in ihrem Gepäck versorgt hatten und uns blieb nichts anderes übrig, als sie ziehen zu lassen. Mit unseren Kindern fuhren wir anschließend in einen zweiwöchigen Urlaub, um sie abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen. Und wie schön war es, als wir nach unserem Urlaub einen Dankesbrief von Nejah und ihrer Oma erhielten. Ein Lebenszeichen! Wie sieht es heute, im Oktober 2006, aus?

 

 In der Zwischenzeit sind wir Mitglied geworden im Verein „Aufbau Eritrea e.V.“ und wir haben Fotos und Nachrichten von Nejah bzw. Frau Zerm-Ghebremariam erhalten: Nejah lebt mit ihrer Oma und deren zwei Kindern in armseligen Verhältnissen in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, und Frau Zerm-Ghebremariam konnte der Familie mit unserer Geldspende, die sich zusammensetzte aus Geldspenden von Freunden, Kindergarteneltern und –kindern, mit Nahrungsmittel n und Kleidung helfen.
nejah2a

 

 Natürlich ist Nejah immer noch ein großes Thema bei uns und wir machen uns große Sorgen um Ihre Zukunft: lebensqualitätsverbessernde Operationen sind die eine Seite, sie machen aber wenig Sinn, wenn sich in Zukunft niemand um Nejah kümmert. Dies wird unsere Aufgabe sein. Wir hoffen, dass es uns mit Hilfe des Vereins „Aufbau Eritrea e.V.“ gelingt, Nejah so zu unterstützen, dass sie in ihrer Heimat eine gute Schulausbildung erhält und dass sie und ihre Familie die notwendigen Nehrungsmittel  zur Verfügung haben, die sie benötigen, um sich gesund zu entwickeln. Unsere Zeit mit Nejah hat uns für immer geprägt, Blickwinkel verändert, uns angeregt, über das wirklich Wichtige nachzudenken! Danke Nejah! Nejah ist in unseren Herzen und wird immer in unseren Herzen bleiben!
con_info

 Elternsprechtag

Am Freitag, dem 24. November 2017 ist von 13.30-18.30 Uhr Elternsprechtag. Sie können über die Schülerinnen und Schüler Termine mit den entsprechenden Lehrern vereinbaren. Informationen zu Zeiten und Raumbelegungen finden Sie hier:

Raumplan

user

 

 

 

 

 

 

 

Nächste Termine

Jan
23

23.01.18 08:30 - 12:30

Jan
25

25.01.18 08:30 - 12:30

Jan
29

29.01.18 08:30 - 12:30

Jan
31

31.01.18 08:30 - 12:30

Feb
2

02.02.18 10:00 - 10:30

schulhomepage_award_2009
Go to top